Unsere Europareise darf hier nicht enden – Abschluss-Rede von Präsidentin Liv Riemann
Berlin 13.3.2025:
Sehr geehrter Vorstand und Lehrer, werte Co-Präsidenten, geschätzte
Ausschussvorsitzende, allwissende Fact Advisor und Sie liebe Delegierte,
während wir heute, nach diesen beflügelnden Tagen voller Debatten, sanft zur
Landung ansetzen, ergreife ich das Wort mit jener Mischung aus Respekt und einer
Prise Schmunzeln, die sich unweigerlich einstellt, wenn man sich mit solcher
Hingabe ins Cockpit der europäischen Zukunft wagt.
Ihre Gedanken stiegen in diesen Sitzungen in luftige Höhen, manche Ideen
entfalteten sich mit majestätischer Schwungkraft, während andere im Sturzflug auf
die harte Realität trafen. Doch gemeinsam haben Sie sich nicht von Turbulenzen
entmutigen lassen, sondern stets den Horizont im Blick behalten – auch wenn Sie
hin und wieder die Thermik des Idealismus höher trug, als es die realpolitischen
Windströmungen erlaubten.
Ich ziehe heute ausdrücklich den Hut – oder, wie unsere saarländischen Freunde
sagen würden, „Chapeau“ – vor Ihrer Fähigkeit, stets souverän in der Luft zu
bleiben, selbst wenn so manche Argumentationslinie kurzzeitig ins Trudeln geriet
oder sich in einer gedanklichen Windstille wiederfand, haben Sie ihn mit kluger
Rhetorik und frischem Aufwind stets zurück auf Kurs gebracht.
Natürlich gab es auch Momente des entspannten Dahingleitens – oder, wie unsere
Höhenflieger des Ausschusses EMPL 1 es nennen würden: „Gammeln“ – die
unserer Sitzung eine sympathisch menschliche Note verliehen haben. Diese kleinen
Pausen, sei es ein kurzer Moment des Innehaltens oder ein kollektives Durchatmen,
haben uns manchmal unerwartet geholfen, neue Perspektiven zu gewinnen.
Schließlich ist es oft genau dieses kurze Loslassen, das den Kopf frei macht, um
danach mit klarem Blick und neuer Energie wieder durchzustarten.
Doch wie jeder erfahrene Flieger weiß, bleibt man nur in der Luft, wenn man sich
kontinuierlich weiterentwickelt. Darum hat das MEP keinen Autopiloten. Vielmehr ist
es ein stetiger Prozess der Erneuerung – ein Kunstflug, der sich mit jeder Sitzung
weiter verfeinert. So haben wir mit dem ersten Doppelausschuss in einem
nationalen MEP – einem waghalsigen Formationsflug der Kampfpiloten von ITRE
und SEDE – Neuland betreten und bewiesen, dass komplexe Themen durch
Teamwork noch zielsicherer navigiert werden können. Auch die neue
Strukturierung der Debatte mit der Einführung von Rückfragen war ein kühner
Kurswechsel, der uns nicht nur herausforderte, sondern auch half, Argumente noch
präziser zu schärfen. All das zeigt: Wer hoch hinaus will, darf keine Angst vor neuen
Flugrouten haben.
Doch so sehr sich das MEP weiterentwickelt, manche Dinge bleiben beständig:
Unsere Unterkünfte – vom Bundesrat über die Ländervertretungen bis zur
Julius-Leber-Kaserne – boten uns erneut nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch
den perfekten Rahmen für politische Exkurse. Ebenso verlässlich waren die
inspirierenden Menschen, die dieses MEP geprägt haben und uns zeigten, dass
Europa nur dann wirklich abhebt, wenn wir gemeinsam fliegen.
Und natürlich gibt es Traditionen, die selbst der stärkste Gegenwind nicht aus der
Bahn wirft: die erneute Ablehnung der Resolution des Ausschusses LIBE. Keine
Liebe für LIBE – ein übler Running Gag, der leider so zuverlässig wiederkehrt wie
die Sicherheitsunterweisung vor dem Abflug.
Doch das MEP ist nicht nur eine Landebahn für Debatten, sondern auch ein
Sprungbrett für politische Partizipation. Wie junge Vögel, die ihr Nest verlassen,
haben Sie gelernt, Ihre eigenen Schwingen auszubreiten – erste politische
Höhenflüge zu wagen, sich gegen den Wind zu stemmen und mit jeder Diskussion
sicherer zu werden. Vielleicht fühlt sich manch einer noch, als stünde er wackelig am
Rand, unsicher, ob die eigenen Flügel tragen. Doch genau darin liegt die Stärke: den
Mut zu haben, abzuheben.
Der bodenständige Flugpionier Otto Lilienthal sagte einst sinngemäß: „Eine Eule
bleibt nicht im Nest, obgleich es vertraut ist, weil sie gelernt hat, dass ihr die Lüfte
gehören.“ In diesem Sinne: Lassen Sie das MEP nicht nur ein kurzes Manöver sein,
sondern den Start für etwas Größeres. Lassen Sie Ihre Ideen weiterfliegen, tragen
Sie sie in Ihr Umfeld, Ihre Schulen, halten Sie sie Ihr Leben lang in Ehren.
Doch wir dürfen uns nicht vormachen, dass dieses MEP ein perfektes Abbild
Europas ist. Wer hier sitzt, bringt oft schon das intellektuelle und soziale Gepäck mit,
das eine solche Erfahrung ermöglicht. Viele von uns sind bereits mit dem
europäischen Gedanken vertraut, meist sogar von ihm überzeugt. Doch genau das
stellt uns vor eine Herausforderung: Erreichen wir wirklich die, die zweifeln? Die, die
sich von Europa abgewandt haben – teils aus Enttäuschung, teils aus Misstrauen.
Europa kann nur dann ein stabiles Nest sein, wenn wir nicht nur unter
Gleichgesinnten bleiben, sondern auch denen Platz bieten, die sonst herausfallen
würden. Ein echter europäischer Geist offenbart sich nicht durch eine gegenseitige
Bestätigung im engen Kreis, sondern darin, neue Räume zu schaffen, neue Stimmen
zu hören – und damit sozial zugänglichere Nester zu bauen. Vielleicht müssen wir
lernen, nicht nur unsere eigenen Küken aufzuziehen, sondern auch die zunächst
fälschlich für Kuckuckseier gehaltenen, die sonst keinen Platz fänden.
Es liegt an uns, Europa nicht nur hier in diesen Hallen zu verteidigen, sondern
dorthin zu tragen, wo es wirklich gebraucht wird. Denn wenn der europäische
Gedanke in aller Breite flügge werden soll, reicht es nicht, ihn allein in diesem Hause
zu entfachen.
Während wir nun zur finalen Landung dieses 26. MEPs ansetzen, bleibt eines klar:
Unsere Reise darf hier nicht enden. Die Debatten, die Sie führten, die Ideen, die Sie
in die Luft brachten und die Verbindungen, die Sie knüpften, werden Sie weit über
diese Sitzung hinaus begleiten. Jeder von Ihnen verlässt diesen Flug mit neuen
Perspektiven, neuen Antrieben und vielleicht sogar neuen Routen für die Zukunft.
Möge Ihr Engagement so beständig sein wie unser gemeinsamer Kurs, Ihr
Idealismus so tragfähig wie die stärksten Aufwinde und Ihre Überzeugungen so
standhaft wie die Positionen, die Sie hier vertreten haben.
Ich danke Ihnen, den Lehrkräften, dem Vosrtand und insbesondere Herr Licht für
diese inspirierende Reise – und wünsche Ihnen allen einen weiterhin erfolgreichen
Flug für unser gemeinsames Europa.